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In der alten Unternehmenskultur musste ich meine Suppe auslöffeln

Helmut Scharfenort
9. Okt.
2 Min. Lesezeit

Erst die Suppe auslöffeln war früher.
Erst die Suppe auslöffeln war früher.

„Das haben wir schon immer so gemacht.“ Ein Satz, den vermutlich viele aus ihrem Berufsleben kennen. Doch was passiert, wenn sich die Welt verändert, die Unternehmenskultur aber stehen bleibt?

Mitte der 2000er-Jahre arbeitete ich für eine deutsche Hotelkette. Unser Regionaldirektor war ein echtes Urgestein. Er kannte die Strukturen, Abläufe und vermutlich jede ungeschriebene Regel.

Brachte man neue Ideen ein, konnte man schon mal hören:

„Bevor Sie über den Tellerrand schauen, löffeln Sie erst mal Ihren Teller aus.“

Diesen Spruch habe ich nie vergessen.

Natürlich steckt darin eine nachvollziehbare Botschaft: Erledigen Sie zunächst Ihre Aufgaben. Aber eben auch: Bleiben Sie in Ihrem Zuständigkeitsbereich. Das große Ganze überlassen Sie Ihren Vorgesetzten.

Damals war dieses Führungsverständnis nicht ungewöhnlich. Aber passt es noch in unsere Zeit?

Neue Welt, alte Hierarchien

Wir leben in einer VUKA-Welt: geprägt von Veränderungen, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit. Märkte und Kundenbedürfnisse verändern sich schnell. Künstliche Intelligenz (KI) erhöht das Tempo zusätzlich.

Während sich draußen vieles verändert, bleiben interne Entscheidungswege oft erstaunlich langsam. Ideen wandern durch mehrere Hierarchieebenen. Bis jemand entscheidet, ist die Gelegenheit vielleicht vorbei.

Gestalter oder Erdulder?

Unternehmenskultur beeinflusst, wie Menschen arbeiten.

Gestalter hinterfragen Abläufe, übernehmen Verantwortung und bringen Ideen ein.

Erdulder führen Anweisungen aus, vermeiden Konflikte und warten auf Entscheidungen.

Das ist selten nur eine Frage der Persönlichkeit.

Wer erlebt, dass Eigeninitiative unerwünscht ist und Fehler bestraft werden, hört irgendwann auf mitzudenken.

Unternehmen verlieren dadurch nicht unbedingt Mitarbeiter, sondern deren Kreativität und Veränderungsbereitschaft.

KI braucht Menschen, die mitdenken

KI ist keine Software, die eine Geschäftsführung einfach kauft und damit alle Probleme löst.

Sie verändert Arbeitsabläufe, Aufgaben und Verantwortlichkeiten.

Gerade in Hotels entstehen gute Ideen häufig dort, wo täglich gearbeitet wird: an der Rezeption, im Restaurant, im Vertrieb oder in der Buchhaltung.

Stellen Sie sich vor, die Geschäftsführung führt einen KI-Assistenten für Gästeanfragen ein, ohne die Rezeption einzubeziehen.

Vielleicht spart das System Zeit. Vielleicht beantwortet es aber Fragen, die Gäste kaum stellen, während die eigentlichen Probleme ungelöst bleiben.

Ein schlechter Prozess wird durch KI nicht automatisch besser. Er läuft möglicherweise nur schneller.

Agil bedeutet nicht führungslos

Natürlich brauchen Unternehmen klare Ziele, Regeln und Verantwortlichkeiten. Auch Datenschutz und wirtschaftliche Ergebnisse bleiben wichtig.

Aber Führung bedeutet heute weniger, jede Antwort selbst zu kennen. Vielmehr geht es darum, Mitarbeitende zu befähigen, gemeinsam Lösungen zu entwickeln.

Das schafft Chancen für bessere Abläufe, schnellere Entscheidungen und mehr Eigeninitiative. Ohne klare Zuständigkeiten drohen allerdings Chaos und Verantwortungsdiffusion.

Was Führungskräfte jetzt tun können

  1. Fragen Sie Mitarbeitende, welche Abläufe sie täglich ausbremsen.

  2. Geben Sie neuen Ideen Raum, auch wenn sie bestehende Regeln hinterfragen.

  3. Testen Sie KI zunächst bei einer konkreten Aufgabe.

  4. Prüfen Sie gemeinsam Nutzen, Risiken und mögliche Fehler.

  5. Schaffen Sie klare Verantwortlichkeiten, ohne jede Entscheidung selbst zu treffen.

Erst der Mensch, dann die Technik

KI-Transformation beginnt nicht mit einem Tool, sondern mit der Unternehmenskultur.

Heute muss ich über den Spruch meines damaligen Regionaldirektors schmunzeln.

Aber eines sehe ich anders:

Wer Mitarbeitenden immer nur sagt, sie sollen ihren Teller auslöffeln, darf sich nicht wundern, wenn niemand mehr über den Tellerrand schaut.

Und genau dort liegen vielleicht die Ideen, die ein Unternehmen morgen dringend braucht.

Wie viel Raum geben Sie Ihren Mitarbeitenden, über den Tellerrand zu schauen?

Wenn Sie herausfinden möchten, wo KI Ihr Unternehmen sinnvoll unterstützen kann, vereinbaren Sie ein unverbindliches Gespräch mit mir.

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